Bildungschancen: Armes Bremen, reiches Bayern
Vor der dritten Pisa-Studie: Was die Länder tun können, um ihren Schülern zu besseren Leistungen zu verhelfen. Interview mit dem Bildungsforscher Klaus Klemm
Nächste Woche werden neue deutsche Pisa-Ergebnisse veröffentlicht. Die Bundesländer mussten sich wieder miteinander vergleichen lassen. Was leisteten die Schüler im Jahr 2006 in Bayern, Nordrhein-Westfalen oder Bremen?
Der Bildungsforscher Klaus Klemm hat dazu statistische Daten der einzelnen Länder ausgewertet, um zu sehen, welche unterschiedlichen Voraussetzungen die Schüler in den einzelnen Länder haben.
ZEIT ONLINE: Wo in Deutschland sind die Bedingungen gut, um im Pisa-Vergleich erfolgreich sein zu können?
Klaus Klemm: Sie sind in den Ländern gut, in denen die Schüler familiär wenig belastet sind, wo es zum Beispiel wenige Arbeitslose und wenige schwierige Milieus gibt. Auch Wohlstand schafft gute Bildungs-Bedingungen. Und es sind die Länder erfolgreich, die den Schulen viele Ressourcen zur Verfügung stellen, wo beispielsweise viele Unterrichtsstunden abgehalten werden können.
ZEIT ONLINE: Wer kann das erfüllen?
Klemm: Baden-Württemberg und Bayern. In beiden Ländern gibt es eine niedrige Arbeitslosenquote, verhältnismäßig viel Wohlstand, und die Schulen sind gut ausgestattet. Die beiden Länder gehören zu den Spitzenreitern, was die Anzahl der abgehaltenen Schulstunden betrifft. Das wirkt sich auf die Leistungen der Schüler aus. Beide Länder gehörten schon bisher zu den Pisa-Gewinnern. Und ich erwarte keine gravierenden Veränderungen in der neuen Auswertung.
Gleichzeitig hat Baden-Württemberg einen sehr hohen Anteil an Jugendlichen mit einem Migrationshintergrund. Das verringert an sich die durchschnittlichen Leistungen der Schüler, vor allem, wenn die Lehrer damit nicht adäquat umgehen. Daran kann man jedoch erkennen, dass es allein auf solche äußeren Bedingungen nicht ankommt. Denn die Schulen in Baden-Württemberg können damit verbundene Schwierigkeiten offensichtlich ausgleichen.
ZEIT ONLINE: Und wo haben die Schulen eher schlechte Voraussetzungen?
Klemm: Was das familiäre Umfeld betrifft, steht es für die Stadtstaaten Bremen, Hamburg und Berlin schlecht. Sie werden nur von den neuen Ländern übertroffen. Die Arbeitslosenzahlen sind dort besonders hoch. Umgekehrt geht es den neuen Ländern besonders gut, was ihre Ressourcen betrifft. Trotz des geringen Wohlstands sind die Schulen dort verhältnismäßig gut ausgestattet. Durch den demografischen Zusammenbruch nach der Wende kommt pro Schüler mehr zusammen. Außerdem erhalten die neuen Länder durch den Länderfinanzausgleich die meisten Steuergelder je Einwohner. Vielleicht erklärt das einen Teil der Leistungen. Zumindest die Schüler in Thüringen und Sachsen lagen in den früheren Studien im oberen Bereich der Pisa-Tabellen - trotz hoher Arbeitslosigkeit der Eltern. Brandenburg wiederum gehört nicht zu den Gewinnern, obwohl die Rahmenbedingungen ähnlich sind. Es ist also wieder nicht alles mit statistischen Daten zu sozioökonomischen Faktoren erklärbar.
ZEIT ONLINE: Was wird in den Brandenburger Schulen falsch gemacht?
Klemm: Die Pisa-Daten analysieren nicht, was im Unterricht geschieht. Unterscheidet sich der Unterricht oder sind ihre Leistungserwartungen andere? Viel wird spekuliert.
ZEIT ONLINE: Was hat den meisten Einfluss auf ein erfolgreiches Lernen? Die äußeren Bedingungen oder Bildungskonzepte?
Klemm: Die Pisa-Ergebnisse hängen von einem Zusammenwirken sehr unterschiedlicher Variablen ab, man kann sie nur schwer gewichten. Wenn man beispielsweise nur lernschwache Schüler in einer Klasse vereint, sind weniger Erfolge zu erwarten. Auch wurde gezeigt, dass sich der soziale Hintergrund von Schülern in Deutschland noch immer sehr stark auf die Leistungen auswirkt. Wie jedoch diese Faktoren beispielsweise mit dem Unterrichtsstil der Lehrer zusammenspielen, weiß man nicht.
ZEIT ONLINE: Kann man durch eine bessere Schule strukturelle Nachteile ausgleichen?
Klemm: Ganztagsschulen helfen, den Anteil von außerschulischen Einflüssen zu reduzieren. Das bietet die Chance, die Leistung von schwächeren Schülern zu steigern. Auch können wir belegen, dass die Leistungen steigen, wenn Kinder im vorschulischen Bereich gezielt gefördert werden. Kinder, die mehr als ein Jahr im Kindergarten waren, haben bessere Chancen in der Schule. Auch die frühzeitige Sprachförderung für Kinder mit sprachlichen Schwierigkeiten hilft nachweislich, übrigens auch Kindern ohne Migrationshintergrund.
ZEIT ONLINE: Wird man in der neuen Pisa-Studie erkennen können, welche Länder sich erfolgreich um ihre Kinder bemüht haben?
Klemm: Eher nicht. Reformen im vorschulischen Bereich zum Beispiel sind erst nach der ersten Pisa-Studie im Jahr 2001 angegangen worden. 2002 wurden also die ersten Maßnahmen eingeleitet. Bis 2006 sind gerade mal vier Jahre vergangen. Was in der Vorschule als Reaktion auf die PISA-Studien eingeleitet wurde, kann die getesteten 15-jährigen Schüler noch gar nicht erreicht haben.
Deshalb erwarte ich keine gravierenden Veränderungen. Wenn es gleichwohl Unterschiede geben sollte, weiß man aber schon jetzt, dass es heißen wird: “Das ist das Ergebnis unserer Politik!”
ZEIT ONLINE: Werden die Ergebnisse also diesmal weniger für Diskussionen sorgen?
Klemm: Schwer zu sagen. Die internationalen Testergebnisse der 2006-Studie haben wir ja schon letztes Jahr erfahren. In den Naturwissenschaften gab es deutliche Leistungssteigerungen. Für mich ist es jetzt interessant, ob diese Steigerungen gleichmäßig von allen Ländern ‚erwirtschaftet’ wurden oder ob die bisherigen Spitzenreiter noch besonders zulegen oder die eher schwächeren Länder sich besonders verbessern konnten.
ZEIT ONLINE: Was wünschen Sie sich?
Klemm: Mir läge viel daran, dass die Schulen sich infolge der Pisa-Studien nicht nur auf die Fächer konzentrieren, die getestet werden. Ich befürchte, dass Fächer wie Musik, Kunst und Geschichte zu kurz kommen. Schule ist aber mehr als Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften.
Ich wünsche mir insbesondere aber einen stärkeren Brückenschlag von den Testergebnissen hin zur Veränderung des Unterrichts. Wenn nicht im Schulalltag und vor allem im Unterricht Konsequenzen gezogen werden, dann gewöhnt man sich einfach an die Ergebnisse – nach dem Muster: Klar, ihr in Bremen seid schon wieder das Schlusslicht!
ZEIT ONLINE: Also eine Förderung in der Breite?
Klemm: Wer will, dass Deutschlands Schulen international besser abschneiden, der sollte sich auf die schwierigen Gruppen konzentrieren. Zum Beispiel dadurch, dass mehr Sozialarbeiter in den Schulen in Brennpunkten beschäftigt werden, wie es auf dem Bildungsgipfel erfolglos gefordert wurde. Oder: In nahezu allen Bundesländern gibt es jetzt zwar vor dem Schuleintritt Sprachtests. Das Versprechen, dass die Kinder, die dies nötig haben, dann auch angemessen gefördert werden, bleibt oft genug uneingelöst.
Ein paar Länder haben günstige Bedingungen und deren Schüler erzielen gute Leistungen. Doch gute Ergebnisse kann man auch – den sozioökonomischen Rahmenbedingungen zum Trotz - mit anderen Instrumenten erreichen.
Die Fragen stellte Parvin Sadigh
Quelle: www.zeit.de/online