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Bildungsstand(ard)ort Deutschland

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Das Kind im Zentrum

Eine Bildungsreform muss alle Lernbereiche ins Auge fassen / Dem deutschen System mangelt es an Konsistenz

Die Ergebnisse der Pisa-Studie haben die Nation einer Illusion beraubt: Die Qualität des deutschen Bildungssystems - um die es nachweislich nicht gut steht - unterlag einer nicht zu rechtfertigenden Fehleinschätzung. Der Schock sitzt seitdem tief. Daran haben auch die Befunde der zweiten Pisa-Studie vor wenigen Wochen nichts geändert. Lediglich die Politiker haben sich ein wenig beruhigt. Manche sprechen sogar schon von einem Aufwärtstrend.

Das Gute an den Befunden war die Erschütterung, die sie auslösten. Weniger befriedigend waren jedoch die politischen (Struktur-)Lösungen: Eine Vorverlegung der Schulpflicht, die Bildung einer Eingangsstufe in der Grundschule mit jahrgangsübergreifenden Lerngruppen oder verstärkter Deutschunterricht für Kinder mit Migrationshintergrund bieten kein Patentrezept für eine durch Pisa offenbarte nationale Herausforderung. Und der Schuldige wurde dabei zu schnell identifiziert: das Vorschulsystem, das viel Betreuung und wenig Bildung biete.

Zugegeben: Obwohl sich eine solche Annahme durch die Pisa-Studie selbst nicht stützen lässt, war sie dennoch hilfreich, um die Bedeutung des frühkindlichen Bereichs politisch aufzuwerten. Wenige Wochen später wartete das “Forum Bildung” mit seinen Empfehlungen auf. An erster Stelle empfiehlt es, die Bedeutung früher Lernprozesse hervorzuheben und Tageseinrichtungen von Betreuungs- in Bildungsinstitutionen umzuwandeln. Zur gleichen Zeit hat die bayerische Sozialministerin Christa Stewens das Staatsinstitut für Frühpädagogik in München damit beauftragt, einen ersten Bildungs- und Erziehungsplan für Tageseinrichtungen für Kinder unter sechs Jahren zu erstellen. Diesem Beispiel sind fast alle Bundesländer gefolgt. Bildungspläne von unterschiedlicher Qualität sind das Ergebnis des erneut zelebrierten Föderalismus.

Auf diese Weise hat man versucht, den Anschluss an internationale Entwicklungen zu finden, die bereits seit Anfang der neunziger Jahre rund um den Globus Reformen im vorschulischen und schulischen Bereich motiviert haben. Nicht Wissensvermittlung, sondern die Stärkung kindlicher Entwicklung und kindlicher Kompetenzen stehen nunmehr im Mittelpunkt. Lernmethodische Kompetenz soll früh etabliert werden. Kinder sollen das Lernen lernen und erfahren, wie man Wissen organisiert, es sozial verantwortet und einsetzt, um Probleme zu lösen. Die Vermittlung von Reorganisationskompetenz, die Kinder befähigt, mit Veränderung und schnellem Wandel umzugehen, zählt ebenso dazu wie die Fähigkeit, die eigenen Stärken zu mobilisieren oder eigene Ressourcen zu nutzen, um Risikosituationen zu bewältigen.

Sowohl Bildungsqualität und -inhalte als auch Vermittlungsformen wurden neu definiert. Damit wurde in wenigen Jahren eine Diskussions- und Reflexionsebene erreicht, die mehr verändert hat als dies seit der Bildungsreform in den siebziger Jahren der Fall war. Die Fachkräfte atmen auf: Sie erhalten Orientierung und Aufwertung. Mittels der Bildungspläne können sie nun zeigen, wie komplex und verantwortungsvoll ihre Arbeit ist. Die Bildungspläne, trotz unterschiedlicher Qualität, erfreuen sich hoher fachlicher wie politischer Anerkennung.

Wer sich aktiv an der Entwicklung solcher Bildungspläne beteiligt hat, übt sich jedoch in Bescheidenheit. Er weiß, dass sie allein nicht die längst fällige Reform des Bildungssystems bewirken können. Weil sie nur einen Teil des Bildungssystems betreffen, den vorschulischen Bereich, greifen sie bislang zu kurz. Allein dem hessischen Bildungsplan ist es bis jetzt gelungen, die engen institutionellen Grenzen zu überwinden. Es handelt sich hierbei um einen Institutionen übergreifenden Bildungsplan, der vom ersten Lebensjahr an bis zum Ende der Grundschulzeit greift. Modelle wie dieses stellen das Kind und nicht die Bildungsinstitution in den Mittelpunkt und entwickeln sich zu Lernort-orientierten Plänen, das heißt, sie berücksichtigen alle Lernorte, in denen Bildung und Erziehung von Kindern stattfinden.

Damit nicht genug: Umfassende Expertisen zeigen den Weg auf, den eine Bildungsreform künftig zu gehen hat: “Perspektiven zur Weiterentwicklung des Systems der Tageseinrichtungen für Kinder in Deutschland” hieß das im Oktober 2003 vorgelegte Gutachten von Bundesfamilienministerin Renate Schmidt, in dem das gesamte System unter die Lupe genommen wird. Eine solche Trendwende legt nahe, nicht eine Stufe, sondern den gesamten Bildungsbereich zu reformieren. Denn dieser ist in seinem Verlauf nicht konsistent. Die historisch begründeten unter-schiedlichen Bildungsphilosophien im Kindergarten und in der Grundschule rechtfertigen zwar getrennte Einrichtungen, aber sie sind nicht geeignet, um einem modernen Bildungssystem neue Orientierung zu geben.

Ohne ein stabiles Bildungssystem werden Lerneffekte der vorschulischen Bildung spätestens am Ende des zweiten Grundschuljahrs eliminiert. Erreichte Integrationsarbeit wird vollständig zunichte gemacht und Lernprozesse werden unterbrochen. Kinder werden demotiviert und das Scheitern Einzelner ist programmiert.

Was benötigt wird, ist also eine Zusammenhang zwischen den Bildungszielen, Bildungsinhalten und im Bildungsverlauf. Die gleichen Grundsätze pädagogischen Handelns für alle Fachkräfte, eine von unten beginnende Organisation von Bildungsprozessen, die sich in der Grundschule kontinuierlich fortsetzen lässt, eine neue Auslegung der Übergänge als Phasen beschleunigten Lernens oder - für manche Kinder - als Orte gezielter Intervention. Vor allem aber zeigt die neuere Forschung, dass es nicht primär auf die Strukturen, sondern auf die Organisation der Bildungsprozesse in den Bildungsinstitutionen wie in der Familie ankommt. Eine hohe Konsistenz im Bildungsverlauf wird allerdings nur dann Erfolg versprechen, wenn es gelingt, die Professionalisierung der Fachkräfte auf eine neue Grundlage zu stellen: Sowohl die Berufsbezeichnungen als auch die Berufsprofile von Lehrern und Erziehern bedürfen der Reform: Die Entwicklung eines Ausbildungsgangs, der für die Bildung von Kindern im ersten Lebensjahr bis (mindestens) zum Ende der Grundschule befähigt und dabei vor allem auf Ausbildungsqualität setzt, ist ein Schritt in die richtige Richtung.

Zudem muss sich das Land bereit finden, mehr in Bildung zu investieren: Die chronische Unterfinanzierung des Elementar- und des Primarbereichs muss überwunden werden. Denn mit (nur) 0,44 Prozent des Brutto-Inlandsprodukts (BIP), also nicht einmal mit der Hälfte des von der OECD empfohlenen Anteils von einem Prozent des BIP an öffentlichen Investitionen im vorschulischen Bereich, können wir nicht mit anderen Ländern konkurrieren. Die Franzosen investieren 0,75 Prozent ihres BIPs und die Skandinavier geben viermal so viel wie die Deutschen für das Fundament des Bildungssystems, den vorschulischen Bereich, aus.

Nicht allein die Strukturen können eine Reform begründen. Es geht um viel mehr. In erster Linie um das sich entwickelnde und lernende Kind und letztendlich um die Reform des gesamten Bildungssystems. Deshalb sind kosmetische Operationen fehl am Platz. Deutschland muss dabei die Einsicht entwickeln, dass Bildungsreformen, die auf Prozessen aufbauen, ausreichend Zeit benötigen, um einmal Früchte tragen zu können.

VON WASSILIOS E. FTHENAKIS

Quelle: www.fr-online.de

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