“Deutschland muss bei den ganz Kleinen viel nachholen”
Kindheitsforscherin Donata von Elschenbroich über die “Aufmerksamkeit” von Babys und Mathematik im Kindergarten
Frankfurter Rundschau: Kleine Kinder wollen entdecken und lernen. Warum kommt ihnen dieses angeborene Interesse irgendwann abhanden?
Donata von Elschenbroich: Das Interesse geht den Kindern nicht verloren. Aber sie finden ihre Fähigkeiten und ihr Wissen in der Schule oft nicht wieder.
Ist also die Schule daran schuld ?
Das Schulsystem hat ein großes strukturelles Problem, für das die Schule im Grunde nichts kann: Sie ist abgekoppelt von der Produktion, vom wirklichen Leben. Es geht nicht anders, man kann nicht mehr durch bloßes Mittun lernen. Aber es macht es den Kindern schwer, ihre Alltagserfahrungen wiederzufinden, zum Beispiel ihr elementares Naturforschen in der Kindheit.
Zum Beispiel…
…der Mond, wie ihn Kinder sehen. Er ist etwas Ästhetisches, Rätselhaftes, Emotionales. Hat er ein Gesicht ? Wohnen da Menschen ? Der Mond der Physik ist eine Steinkugel, eine Abstraktion, und in der Schule ist er ein Lehrgegenstand. Da steigen viele aus der Naturwissenschaft aus.
Sie haben mal gesagt, keiner gibt gern zu, dass er nicht lesen kann. Bei Naturwissenschaften und Mathematik sei das eher akzeptiert.
Aber wir bewegen uns entlang physischer Gesetze durchs Leben, und Mathematik ist überall. Wenn man aber mit Eltern über Mathematik im Kindergarten spricht, sagen viele: höchstens Rechnen, Mathematik ist eine Überforderung. Kinder sehen das anders. Vor kurzem habe ich einen Kindergarten besucht, in dem die Kinder ein “Zählzimmer” eingerichtet haben. Sie wiegen Kastanien ab, schätzen und messen. So kann naturwissenschaftliche Alphabetisierung aussehen.
Ob Kinder in Deutschland gut gefördert werden, hängt stark von ihrer sozialen Herkunft ab. Können Krippen und Kindergärten solche Defizite ausgleichen ?
Die Kindergärten tun es faktisch schon. Vor allem bei den ganz Kleinen muss aber viel nachgeholt werden. Die Kinder im Alter von null bis drei sind bekanntlich ganz besonders aufmerksam, aber es gibt in Westdeutschland für nur vier Prozent der Kinder ein öffentliches Angebot. Optimistisch geschätzt arbeitet vielleicht ein Drittel der Krippen auf der Höhe des Möglichen, das heißt, sie verstehen ihre Arbeit nicht nur als Betreuung, sondern auch als Bildungsangebot. Und nicht alles kann man von den Familien erwarten.
Sprach- oder Sozialverhalten bilden sich in Grundzügen schon in den ersten Lebensmonaten und -jahren aus - also lange vor dem Kindergarten. Hat staatliche Erziehung im Sinne von Chancenausgleich dann noch einen Sinn ?
Die Familie ist das Anregungsmilieu Nummer Eins. Aber die Eltern brauchen Unterstützung. Es gibt gute Beispiele aus anderen Ländern - etwa aus den USA oder England -, wie Väter und Mütter schon während der Schwangerschaft eingestimmt werden darauf, was “Aufmerksamkeit” bei Kindern ist, wie diese Haltung, die in der Wissensgesellschaft so wichtig ist, schon bei den Babys geschützt und kultiviert wird.
Länder wie Japan und China investieren viel in die frühkindliche Bildung, weil sie erkannt haben, dass Bildung Wachstum schafft. Was kann Deutschland von diesen Modellen lernen ?
China investiert zur Zeit enorme Energie in die Bildung der kostbaren Einzelkinder. Man sucht auf der ganzen Welt nach Modellen zur Optimierung der Erziehung. Mit verblüffenden Ergebnissen in privat organisierten Mutter-Kind-Förderkursen. Dreijährige lesen chinesische Schriftzeichen und konzentrieren sich auf komplexe mathematischen Aufgaben.
Hört sich furchtbar an…
Kinder sind ja bekanntlich in vielen Gedächtnisleistungen den Erwachsenen voraus, wir verlieren immer beim Memory. Aber bei dem in China beobachteten rigorosen Funktionstraining hat das Kind zu wenig Gelegenheiten, sich als “Selbstdenker” zu erfahren.
Zwischen Memoryspielen und Vokabeln pauken gibt es aber einen Unterschied.
Richtig. Wir haben in Deutschland in den vergangenen zehn Jahren viel über “selbstinitiiertes Lernen” nachgedacht, unter anderem, ob die Kinder dabei nicht das brauchen, was Erwachsene Umwege nennen. Suchen ist ansteckender als Wissen.
Interview: Katja Irle
Quelle: www.fr-online.de