Einwandererkinder Europas im Fokus
Sage mir, aus welchem Land deine Eltern kommen - und ich sage dir, auf welche Schule du gehst. Zu dieser Erkenntnis über die Bildungssituation in Deutschland kommen Forscher in einer Studie, die die sogenannte Zweite Generation in acht europäischen Ländern unter die Lupe nimmt. Während die größte Gruppe Deutscher ohne Migrationshintergrund das Gymnasium besucht (33 Prozent), kommt mehr als jeder dritte türkischstämmige Jugendliche über die Hauptschule nicht hinaus.
Der Großteil der Kinder jugoslawischer Einwanderer, deren Entwicklung ebenfalls untersucht wurde, strebt dagegen zu rund 39 Prozent den Realschulabschluss an. Damit sind die drei Schulformen auf die untersuchten Gruppen eindeutig verteilt. Das Gymnasium besucht dagegen nur jeder achte junge Deutschtürke und jeder Siebte aus jugoslawischen Elternhäusern. Insgesamt attestieren die Forscher den Ex-Jugoslawen eine “erfolgreichere Integration ins Bildungssystem”.
Die unsicheren Aussichten auf einen Abschluss, so die Forscher, unterstrichen “den Charakter der Hauptschule als Restschule”. Es sei “bildungspolitischer Unsinn, Kinder schon in jungen Jahren in bessere und schlechtere Schüler zu sortieren”, kommentierte Berlins Sozialsenatorin, Heidi Knake-Werner (Linke), bei der Vorstellung der Untersuchung.
Befragt wurden 10 000 Leute
Die Studie “The Integration of the European Second Generation” (TIES), deren erste Ergebnisse gerade in Berlin vorgestellt wurden, untersucht die Lebensverhältnisse der zweiten Einwanderergeneration in 15 Großstädten in acht europäischen Ländern. Befragt wurden mehr als 10 000 junge Erwachsene zwischen 18 und 35 Jahren - ohne Migrationshintergrund sowie aus türkischen, marokkanischen und jugoslawischen Elternhäusern. In Deutschland befragte das Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (Imis) mit Sitz in Osnabrück junge Männer und Frauen in Frankfurt und Berlin, die hier geboren wurden oder ihre Bildungslaufbahn absolvierten. In Berlin wurden 250 Türkischstämmige, 200 Kinder jugoslawischer Familien und 260 Deutsche ohne Migrationshintergrund besucht und interviewt. Ergebnisse aus Frankfurt sollen im März vorliegen.
Ungleiche Bildungschancen
In anderen Ländern, soviel steht bereits jetzt fest, sind die Bildungs- und Berufschancen jugendlicher Zuwanderer besser: In Frankreich verlassen lediglich 5,3 Prozent der jungen Türken die Schule ohne Abschluss; mehr als zwei von drei streben auf einem Lyzeum das Bakkalaureat, das französische Abitur, an . Besonders bemerkenswert: 90 Prozent bauen ihre Bildungskarriere weiter aus, vor allem an einer der Universitäten des Nachbarlandes.
In den niederländischen Großstädten Amsterdam und Rotterdam - beide nicht frei von Integrationsproblemen - ist die Lage anders, aber ebenfalls nicht so düster wie in Berlin: Dort schafft immerhin jeder zweite Migrantenjugendliche auf der “langen Route”, also über eine niedrige Schulform und eine Berufsausbildung, den Weg in die Hochschule.
Die andere Hälfte teilt sich auf: Ein Viertel startet direkt durch und besucht eine Hochschule, die Übrigen bleiben erfolglos. Allerdings, erklärte der für die Niederlande zuständige Sozialforscher Jens Schneider in Berlin, “auch Risikojugendliche finden meist ihren Weg.” Häufig täten sie das durch dort üblichere “Training-on-the-Job”-Modelle, nicht zuletzt im öffentlichen Dienst.
Ein Vergleich der einzelnen Länder ist dennoch nicht leicht: Denn Bildungssysteme und -abschlüsse sind durchaus unterschiedlich.
(Artikel von: JEANNETTE GODDAR)
Quelle: www.fr-online.de