Pisa 2008: Kleine Klassen, weniger Migranten
Das gute Abschneiden ostdeutscher Länder beim nationalen Pisa-Test kommt für den Deutschen Lehrerverband wenig überraschend. Fehlende Chancengleichheit bleibt ein Problem
Das Land Sachsen ist der große Sieger des neuen Pisa-Schulleistungstests. Das Bundesland erreicht in allen drei untersuchten Disziplinen - Naturwissenschaften, Mathematik sowie Lese- und Textverständnis - den ersten Platz. Es verweist damit den bisherigen Sieger Bayern auf den zweiten Rang. Auffallend ist, dass die ostdeutschen Länder insgesamt stark nach vorn drängen.
Dies überrascht den deutschen Lehrerverband nicht: Die fünf neuen Länder hätten im Vergleich mit Westdeutschland kleinere Klassen zu bieten. Auch gebe es im Osten weniger sogenannte Risikoschüler, da dort weniger Migranten lebten. Diese Gruppe mit auffallend schlechten schulischen Leistungen sei erfahrungsgemäß unter Migrantenkindern besonders häufig. Ostdeutschland habe außerdem von einer jahrzehntelangen Tradition profitiert: Die Naturwissenschaft werde in den neuen Ländern heute immer noch so stark gefördert wie zu Zeiten der DDR.
Auch der früheren Landes-Kultusministers Steffen Flath (CDU) sieht die sächsische Bildungspolitik der vergangenen Jahre bestätigt. “Seit Anfang der neunziger Jahre halten wir Kurs. Gerade diese Kontinuität ist die Stärke des zweigliedrigen Bildungssystems”, sagte der heutige Fraktionschef im Landtag. Sachsen sei auch Vorbild beim Thema soziale Gerechtigkeit. “Arbeiterkinder haben relativ gute Aussichten, die Hochschulreife zu erlangen.” Flath warnte davor, das sächsische Schulsystem umzukrempeln. “Wer jetzt noch die Einheitsschule propagiert, gefährdet den Erfolg.”
In dieser Hinsicht, dem Zusammenhang zwischen der sozialen Herkunft und der Chance von Jugendlichen, ein Gymnasium zu besuchen, deuten die neuesten Pisa-Zahlen aber auf einen anderen Trend hin: In Deutschland, insbesondere in Bayern war diese Abhängigkeit nach wie erheblich. “Bedeutsame” Verbesserungen in diesem Bereich machen die Forscher nur in Bayern und Rheinland-Pfalz aus. Und gerade letzteres Bundesland hat in den vergangenen Jahren seine Ganztagsbetreuung von Schülern erheblich ausgebaut und will von 2011 an mehr als jede dritte Schule in eine solche “Einheitsschule” umwandeln.
Nach den Worten des Berliner Bildungssenators und früheren stellvertretenden Ministerpräsidenten von Rheinland-Pfalz, Jürgen Zöllner, bleibt diese hohe Abhängigkeit von sozialer Herkunft und Schulerfolg denn auch “das zentrale Problem” des deutschen Schulsystems. Für die Förderung von Kindern aus bildungsfernen Schichten und aus Migrantenfamilien benötigten die Schulen mehr Zeit und mehr Personal, sagte er bei der Vorstellung der Studie in Berlin. Dazu gehörten nicht nur Lehrer, sondern auch Sozialarbeiter. Der SPD-Politiker forderte mehr Ganztagsangebote und auch Hilfen beim Übergang junger Menschen von der Schule in den Beruf.
Das Schlusslicht der Pisa-Studie 2008 bildet in allen drei Bereichen das Land Bremen. Demnach haben 15-jährige sächsische Schüler gegenüber gleichaltrigen Jugendlichen aus Bremen einen Lernfortschritt von zwei Jahren. Bei den Schulleistungen klafft zwischen den Bundesländern insgesamt ein großes Leistungsgefälle. Nach Ansicht der Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK), Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU), schließt sich diese Schere aber. “Die deutschen Schulen sind auf einem guten Weg nach vorn”, sagte sie. Auch Bundesländer ‘am unteren Rand’ der Leistungsskala holten deutlich auf”.
Bei der wichtigsten Basiskompetenz für das weitere Lernen - dem Lesen und Textverständnis - erreichen allerdings nur vier deutsche Bundesländer, nämlich Rheinland-Pfalz, Thüringen, Bayern und Sachsen, Werte, die über dem Durchschnitt der wichtigsten Industrienationen der Welt liegen. Die Schulleistungen in dem bei dieser Studie besonders herausgestellten Fach Naturwissenschaften liegen inzwischen aber in 13 Bundesländer über dem Durchschnitt in anderen Industrienationen. Dies begrüßt auch der Deutsche Philologenverband als “insgesamt erfreulich und positiv”. Fast alle Bundesländer haben sich zum Teil sogar signifikant verbessert, erklärte der Vorsitzende Heinz-Peter Meidinger.
Trotz des insgesamt positiven Trends verweist die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in einer ersten Reaktion auf die fehlende Chancengleichheit in den Schulen. Dies sei nach wie vor auch das größte Problem des deutschen Bildungssystems. “Das ist ein Schandfleck”, sagte die Vizevorsitzende der Bildungsgewerkschaft, Marianne Demmer. In den meisten Bundesländern hätten Kinder aus der Oberschicht auch weiterhin extrem bessere Chancen, ein Gymnasium zu besuchen als gleich intelligente Kinder aus armen Elternhäusern oder aus Migrantenfamilien. “Die größte Herausforderung für die Schulpolitik ist die konsequente Förderung von jungen Leuten, die die Mindeststandards in den Schulen nicht erreichen.”
Quelle: www.zeit.de/online