“Ein Schritt ins Ungewisse”
Die Schüleraustauschorganisation AFS will mehr Realschüler in die Welt schicken. Ein Gespräch mit ihrem Geschäftsführer Mick Petersmann: DIE ZEIT: Die Schüleraustauschorganisation AFS Interkulturelle Begegnungen e. V. hat in diesem Jahr ihr 60-jähriges Bestehen gefeiert. Im Jubiläumsjahr orientiert sich AFS neu und will sich verstärkt um Realschüler bemühen – warum?
Mick Petersmann: Am Schüleraustausch in Gastfamilien nehmen in Deutschland pro Jahr zwischen 13000 und 15000 Jugendliche teil – zu 95 Prozent sind das Gymnasiasten. Sie besuchen ein Schuljahr lang eine Schule im Ausland; 47 Länder haben wir zur Auswahl. Ein Drittel der Schüler geht in die USA. Bei den Realschülern sagen nur 64 Prozent, dass sie sich ein Austauschjahr vorstellen könnten. Die Zahl derer, die letztendlich an unseren Programmen teilnehmen, ist verschwindend gering.
ZEIT: Warum sollte sich ein Realschüler, der sich möglicherweise um einen Ausbildungsplatz sorgt, die Mühe machen, ins Ausland zu gehen?
Petersmann: Eine Langzeitstudie mit 1920 ehemaligen Austauschschülern hat ergeben, dass die interkulturelle Sensibilität deutlich größer war als bei einer Vergleichsgruppe: Ehemalige Austauschschüler haben mehr internationale Freundschaften, studieren häufiger im Ausland und machen auch häufiger international Karriere. Außerdem sagen uns Ausbildungsleiter ganz klar, dass Auslandserfahrung auch bei Realschülern ein wichtiges Unterscheidungskriterium ist, denn die Selbstständigkeit, die man dabei erworben hat, die Neugier und Offenheit zeichnen den Bewerber aus.
ZEIT: Warum nehmen trotzdem nur fünf Prozent der Realschüler teil?
Petersmann: Schüleraustausch ist ein Phänomen der gebildeten Mittelschicht – in bildungsferneren Schichten ist es schwieriger, die Eltern zu überzeugen. Die wenigen Realschüler stammen meist aus Familien, wo die Eltern selbst an einem Austausch teilgenommen haben. Und in der Schule spielt das Thema keine große Rolle, weil die Realschüler ihr Auslandsjahr in der Regel nach dem Abschluss machen und nicht mehr in die Schule zurückkehren, um berichten zu können.
ZEIT: Also ein sich selbst verstärkender Prozess?
Petersmann: Der Schüleraustausch ist etwas, das vor allem durch Mundpropaganda befördert wird. Immerhin ist es ein Riesenschritt in die Ungewissheit. Wer zurückkommt und erzählen kann, dass er all das bewältigt hat, ist der beste Werbeträger.
ZEIT: Hier könnten die Austauschorganisationen gegensteuern.
Petersmann: Informationsveranstaltungen gab es bisher fast ausschließlich an Gymnasien, weil unsere Ehemaligen, die sie durchführen, das meist an der eigenen Schule machen – und die wenigsten Ehemaligen kommen nun mal von einer Realschule.
ZEIT: Das Missverhältnis liegt also auch an zu wenig Werbung?
Petersmann: Ja – ich würde nicht von mangelndem Interesse bei Realschülern sprechen, sondern von einer mangelnden Kenntnis dieser Möglichkeiten. Und sicherlich ist es auch ein Finanzproblem – die Programme kosten 4500 bis 8000 Euro, das auf den Tisch zu legen ist nicht für jedermann leicht.
ZEIT: Und hier soll das neue Stipendienprogramm von AFS ansetzen?
Petersmann: Ja, vor acht Wochen haben wir ein Pilotprojekt gestartet, in dem die Kreuzberger Kinderstiftung 15 Berliner Realschülern Stipendien für ein Austauschjahr anbietet. Die Kreuzberger Kinderstiftung wurde übrigens von einem Alumnus von AFS gegründet, der in den fünfziger Jahren selbst dank eines Stipendiums ins Ausland gehen konnte.
ZEIT: Haben Realschüler überhaupt die Sprachkenntnisse und das Schulwissen, um in eine völlig fremde Sprache und ein unbekanntes Schulsystem einsteigen zu können?
Petersmann: Sprachvoraussetzungen sind nicht entscheidend. Unsere Schüler gehen auch nach Brasilien, Russland oder China, und die wenigsten haben vorher die Sprache gelernt. Sicher wird das Programm für diejenigen attraktiver, denen Sprachenlernen Spaß macht. Aber wir wollen auch an den Realschulen Jugendliche ansprechen, die vielleicht vorhaben, Abitur zu machen und zu studieren.
ZEIT: Warum engagiert sich AFS erst jetzt für Realschüler?
Petersmann: Wir sind der Auffassung, dass interkulturelle Kompetenz in der gesamten Gesellschaft von Bedeutung ist und Bildungsgerechtigkeit gefördert werden muss.
ZEIT: Wie ist die Resonanz an den Realschulen?
Petersmann: Es ist ein hartes Stück Arbeit, für die 15 Stipendien 20, 30 Bewerber zu finden. Ich hoffe, dass es bis Ende des Jahres gelingt, für jedes Stipendium einen geeigneten Kandidaten zu finden – dann gehen aus Berlin so viele Realschüler ins Ausland wie noch nie.
ZEIT: Warum ist es so schwierig?
Petersmann: Es ist leider nicht so, dass uns nach den Informationsveranstaltungen die Stipendienanträge aus der Hand gerissen werden. Das Abwarten und Überlegen, ob man sich das wirklich zutraut, ist groß. An Gymnasien ist der spontane Zulauf größer, Lehrer geben mehr Unterstützung, an den Realschulen müssen wir Überzeugungsarbeit leisten.
ZEIT: Gibt es Vorbehalte von Lehrern, was Realschüler mit einem Auslandsjahr anfangen sollen?
Petersmann: Wir sprechen Direktoren und Lehrer gezielt an und nutzen auch Weiterbildungsveranstaltungen, um ins Gespräch zu kommen. Da ist die Skepsis zunächst groß. Aber über das Thema Jugendliche mit Migrationshintergrund haben wir Berührungspunkte gefunden: Wer an einem Austauschprogramm teilnimmt, erlebt sein bikulturelles Verständnis als Stärke, und das schafft Toleranz und fördert Integration.
ZEIT: Gibt es Überlegungen für ähnliche Programme an Hauptschulen?
Petersmann: Bisher nicht – jetzt müssen wir erst mal die Realschulen knacken.
(Interview: Sabrina Ebitsch)
Quelle: www.zeit.de