Grundschulstudien: »Ungemein wissbegierig«
DIE ZEIT: Herr Professor Bos, wie fühlt man sich als Überbringer froher Botschaften über die gebeutelte deutsche Schule?
Wilfried Bos: Es ist schön, dass die deutschen Grundschulen im internationalen Vergleich gut dastehen. Ihnen dieses Feedback zu geben ist sicher angenehm. Aber darum geht es nicht. In Berlin, Hamburg und Bremen zum Beispiel, aber auch in Hessen wird die Freude nicht so groß sein.
ZEIT: Zum Mäkeln kommen wir später. Lassen Sie uns zunächst über die Erfolge sprechen. Was haben Ihre Studien ergeben?
Bos: Die deutschen Viertklässler liegen im internationalen Vergleich in den Naturwissenschaften und der Mathematik im oberen Leistungsdrittel (siehe Grafik S. 78). Das hat die Studie namens Timss ergeben. Timss steht für Trends in International Mathematics and Science Study.
ZEIT: Weit oben landeten die deutschen Grundschüler auch mit ihren Leseleistungen. Das zeigte vor einer Weile die sogenannte Iglu-Studie, die Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung.
Bos: Ja, und wir haben jetzt die Iglu-Ergebnisse noch einmal nach Bundesländern aufgeschlüsselt.
ZEIT: Mit welchem Ergebnis?
Bos: Die spektakulärste Nachricht ist sicher, dass die Thüringer Grundschüler – in der Sprache des Sports – Silbermedaillengewinner in der Gesamtwertung Lesen und Goldmedaillengewinner in der Subdisziplin literarisches Lesen sind.
ZEIT: Was ist mit dem Pisa-Primus Finnland?
Bos: Finnland war an den Grundschuluntersuchungen nicht beteiligt. Aber die Leistungen Thüringens sind ganz erstaunlich: Es liegt vor allen teilnehmenden kanadischen Provinzen, gleichauf mit den südostasiatischen Stadtstaaten Hongkong und Singapur, hat die weltweit kleinste Quote leseschwacher Schüler und markiert beim Lesen literarischer Texte die Weltspitze. Das ist mehr als »Weltniveau«, wonach die DDR ja immer strebte.
ZEIT: Wie schneiden die anderen Bundesländer im Lesen ab?
Bos: Alle Länder außer Berlin, Hamburg, Bremen und Hessen liegen über dem Durchschnitt der OECD- und der EU-Staaten.
ZEIT: Wie erklären Sie sich das gute Abschneiden der deutschen Grundschulen?
Bos: Die Grundschulen haben ihre Hausaufgaben gemacht. Sie geben den Kindern mehr Möglichkeiten, etwa durch die Arbeit mit einem Wochenplan, ihr eigenes Lerntempo zu bestimmen. Sie fördern die Kinder auch gezwungenermaßen stärker individuell, denn sie können kaum ein Kind abschieben. Das sage ich in aller Vorsicht, weil unsere Studien nur die Lernergebnisse messen und nicht den Prozess des Lernens untersuchen.
ZEIT: Dann muss also vor allem nach der Grundschule, in der Sekundarstufe, etwas schieflaufen, denn die Pisa-Ergebnisse der 15-Jährigen sind ja – außer bei den Naturwissenschaften – nicht so berühmt. Haben Sie dafür eine Erklärung?
Bos: Auch da will ich mich zurückhalten. Aber in einem Punkt bin ich mir sicher, und das kann gar nicht oft genug wiederholt werden, weil sich dort einfach zu wenig bewegt: Leseunterricht darf nach der Grundschule nicht aufhören! Das Lesen- und Schreibenlernen muss als fächerübergreifende Aufgabe auch der weiterführenden Schulen etabliert werden. Nur dann können die Pisa-Ergebnisse besser werden.
ZEIT: Wie steht es um die Ungerechtigkeit, den Einfluss der sozialen Herkunft auf die Leistungen der Schüler?
Bos: Der Einfluss zeigt sich bei Timss, wie in anderen Studien auch, in Deutschland besonders stark. Den Niederländern etwa gelingt es wesentlich besser, diesen Einfluss klein zu halten. Bayern und Nordrhein-Westfalen haben hier in den letzten Jahren bemerkenswerte Verbesserungen erzielt, während Hessen sich in diesem Punkte deutlich verschlechterte. Auch die Einwandererkinder fallen hierzulande im Vergleich mit den deutschstämmigen Schülern stark ab.
ZEIT: Gibt es ein Land, von dem man abgucken kann?
Bos: Deutlich besser gelingt es eigentlich nur den klassischen Einwanderungsstaaten wie den USA, Neuseeland und Australien.
ZEIT: Deren Einwanderer haben doch einen höheren Bildungsstand als unsere.
Bos: Richtig, aber von denen kann man zum Beispiel lernen, wie wichtig eine konsequente Sprachförderung ist.
ZEIT: Apropos Einwandererkinder. Dass die Grundschüler in Berlin, Hamburg und Bremen überdurchschnittlich schlecht und die Thüringer überdurchschnittlich gut abschneiden, liegt doch auch daran, dass in den Stadtstaaten viele der Schüler einen Migrationshintergrund haben, in Thüringen aber nur wenige.
Bos: Das spielt eine Rolle, reicht aber als Erklärung nicht aus. Die Stadtstaaten haben ja andererseits auch einen großen Anteil von Kindern ohne Migrationshintergrund. Aber auch die Gruppe der Schüler mit sehr guten Leseleistungen ist in Berlin, Hamburg und Bremen erschreckend klein, in Thüringen und Bayern hingegen recht groß. Allerdings sind die Leseleistungen der Kinder mit Migrationshintergrund in Bayern auch nicht besser als die in den Stadtstaaten. Die Herkunft der Kinder allein erklärt nicht deren Leistungen.
ZEIT: Was halten Sie für entscheidend?
Bos: Ein Klima, das die Leistung in der Schule fördert. Das die Kinder nicht unterfordert. Im Westen und Norden der Republik wird zu viel nach Entschuldigungen gesucht, im Süden und Osten ist man da zupackender.
ZEIT: Wo geht es denn innerhalb Deutschlands am gerechtesten zu, also wo ist der Leistungsabstand zwischen Kindern aus gut situierten Elternhäusern und jenen aus sozial schwachen Familien am kleinsten?
Bos: In Bayern. Dort ist die Koppelung zwischen der Leseleistung und der sozialen Herkunft am geringsten. In Berlin und Hamburg ist sie am stärksten.
ZEIT: Im Vergleich zur letzten Iglu-Studie 2001 hat sich Deutschland verbessert. Gilt das für alle Bundesländer?
Bos: Im Jahr 2001 haben nicht alle Bundesländer am innerdeutschen Vergleich teilgenommen. Zugelegt haben auf jeden Fall Bayern, Bremen, Brandenburg, Thüringen und Nordrhein-Westfalen, weniger Punkte hat Hessen erreicht. Das Schlusslicht Bremen und der Sieger Bayern aus dem Jahre 2001 haben jeweils beachtliche 16 Punkte zugelegt.
ZEIT: Was muss getan werden, um die Leseleistungen weiter zu steigern?
Bos: Wir haben mit Überraschung festgestellt, dass der Anteil des Leseunterrichts am Gesamtunterricht in den Grundschulen seit 2001 zurückgegangen ist. Der Trend muss wieder umgedreht werden, gerade zum Wohle der schwachen Leser. Wir brauchen mehr gezielten Förderunterricht für schwache wie für starke Leser, Übungen, die ein tieferes Verständnis von Texten fördern. Da sind auch die Schulbuchverlage gefordert. Außerdem müssen Kinder aus bildungsfernen Schichten stärker gefördert werden: durch eine gezielte Elternarbeit, durch den Ausbau der Vorschulen oder durch die Errichtung von Ganztagsgymnasien.
ZEIT: Was zeigen Ihre Untersuchungen über die unterschiedlichen Leistungen von Jungen und Mädchen?
Bos: Beim Lesen ist der Vorsprung der Mädchen, über den ja viel berichtet wurde, geringer geworden und im internationalen Vergleich unauffällig. Das ist eine erfreuliche Entwicklung. Bei Mathematik und in den Naturwissenschaften haben die Jungen in Deutschland einen im internationalen Vergleich auffallend großen Leistungsvorsprung vor den Mädchen. Andere Länder zeigen, dass das kein Naturgesetz ist.
ZEIT: Wie steht es um die soziale Gerechtigkeit beim Übergang zum Gymnasium?
Bos: Das kann ich jetzt noch nicht sagen. Dazu legen wir Anfang kommenden Jahres einen Bericht vor.
ZEIT: Welches Ergebnis Ihrer Studien bewegt Sie persönlich eigentlich am meisten?
Bos: Mich macht die Benachteiligung von Schülerinnen und Schülern aus sozial schwachen Familien immer wieder nachdenklich. Aber es gibt noch ein anderes Phänomen, das einen über die Schule ins Grübeln kommen lässt.
ZEIT: Nämlich?
Bos: Grundschüler sind ungemein wissbegierig. Sie wollen lesen und schreiben lernen, sie interessieren sich für Mathematik, wollen die Natur verstehen. Das ist nicht nur ein Eindruck, sondern wir können das auch messen. Und irgendwie nimmt diese Wissbegier im Laufe der Schulzeit nicht zu, sondern sie nimmt ab. Das darf eigentlich nicht sein.
Die Fragen stellte Thomas Kerstan
Wilfried Bos ist Direktor des Instituts für Schulentwicklungsforschung an der TU Dortmund. Er zeichnet in Deutschland für die Grundschulstudien Timss (Trends in International Mathematics and Science Study) und Iglu (Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung) verantwortlich.
Quelle: www.zeit.de