Weniger glotzen, mehr erlebe…
Es war wie Donnerwetter und Tsunami zugleich“, erzählt Xavier Rémy. Der 52-jährige Schuldirektor schmunzelt immer noch, wenn er sich an die entsetzten Gesichter der versammelten Eltern und Lehrer erinnert: „Einige hielten mich für verrückt, andere riefen erschrocken: Was? Zehn Tage ohne Fernsehen und Internet für unsere Kinder? Schließlich ist der TV-Apparat so etwas wie eine heilige Kuh im familiären Kosmos.“ Aber die Neugier siegte schließlich, bei den Eltern ebenso wie bei den Kindern.
So begann das „Abenteuer der zehn Tage“ in der Grundschule Ziegelwasser am Rand von Straßburg. Für die zehnjährige Lynn war es „die beste Schulzeit, die ich je erlebt habe!“, und Lucy, ihre kleine Schwester, entdeckt sogar eine neue Form des Superlativs: „Es war zu super!“
Zehn Tage, um das Leben anders zu sehen
Die schockierende Idee des Monsieur Rémy hatte einen ernsten Hintergrund: „Unsere Kinder verbringen dreieinhalb Stunden pro Tag vor dem Fernseher, im Internet oder mit Videospielen. 60 Prozent der Kinder über acht Jahre haben einen eigenen Fernsehapparat im Zimmer. Dutzende medizinische Untersuchungen haben bewiesen, wie schädlich dies für das körperliche und psychische Wohlbefinden der Kleinen ist“, ruft er ins Gedächtnis – französische Verhältnisse, die durchaus auf Deutschland übertragbar sind.
Im Herbst 2007 schlug der Rektor den Eltern seiner 259 Schüler ein Projekt vor: „Die Kinder sollten ermutigt werden, zehn Tage ohne TV, Internet und Videospiele zu verbringen. Freiwillig. Ohne Androhung von Strafen.“ Codename der Aktion: „Zehn Tage, um das Leben anders zu sehen.“
Freiwillige Selbstverpflichtung
Im Mai dieses Jahres wurden damit die 259 Straßburger Kids zwischen sechs und elf Jahren zu den neuen Helden Frankreichs. Die Medien überschlugen sich; mehr als 2000 Briefe aus dem ganzen Land, aber auch aus Belgien oder Kanada, feuerten die kleinen Abstinenzler an, gratulierten zu der ebenso naheliegenden wie revolutionären Idee. „Es ist eigentlich babyleicht. Wer einen Tag ohne Fernsehen aushält, bekommt fünf Punkte. Am Sonntag kriegt man sieben Punkte. Denn am Wochenende ist es viel schwerer, nicht fernzusehen. Vor allem wenn es regnet“, erklärt der elfjährige Billal und zeigt stolz sein Logbuch.
Jedes Kind bekam vor der Aktion ein solches Heft, um seine täglichen Ergebnisse zu notieren. Auf der ersten Seite steht in Schönschrift eine feierliche Selbstverpflichtung: „Heute habe ich, Billal, Schüler der Klasse 5a der Ziegelwasser-Grundschule, beschlossen, in den nächsten zehn Tagen nicht fernzusehen und keine Zeit vor dem Computer oder meiner Spielkonsole zu verbringen. Ich verpflichte mich hiermit feierlich, mit meinen 259 Mitschülern alles zu tun, was menschenmöglich ist, um die Herausforderung durchzuhalten.“
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